Ambarita und das Batak-Volk

Batak, Stonechairs
Ein Batakdorf auf Ambarita

Heute wollen wir die Insel erkunden. Deswegen haben wir uns für 80 Rupiah/Tag einen Roller ausgeliehen. Wie, Roller fahren mit Kleinkind? Auf Sumatra? Ja, das geht! Wie die Einheimischen wird Max zwischen uns geklemmt und los geht’s. Uns allen macht das Spaß und da Tobi ein super Fahrer ist entspannen wir uns und genießen die Aussicht während uns ein frischer Wind um die Nase weht. Ab und zu stille ich Max auch während dem Fahren. Die Einheimischen machen das auch so. ;-)

Es gibt auf Samosir Island so einige Sehenswürdigkeiten und wir fangen mit den "Stone Chairs" an. Es dauert nicht lang, bis wir die ersten Hinweis-Schildern entdecken. Etwas in der Pampa versteckt werden wir aufgefordert, 10 Rupiah Eintritt pro Person zu zahlen, dann dürfen wir auch einen kleinen Hügel nach oben steigen, auf dem ein Batak-Haus und der sogenannte Stone-Chair stehen. Das ganze Ambiente entspricht aber nicht so ganz den Beschreibungen und so lehnen wir dankend ab und fahren weiter. Statt dessen entdecke ich einige Minuten später eine Ansammlung von interessant aussehenden Häusern und so halten wir an, um der Sache auf den Grund zu gehen. Wir sind im Batak-Dorf gelandet und gönnen uns  einen Guide. Eine sehr empfehlenswerte Entscheidung, denn ohne dieses Insiderwissen wäre der Besuch nur kurz und wenig aufschlussreich. So aber verdanken wir Anni, unserer Guide- Frau, die selbst in einem der Häuser lebt und sogar von königlichem Blut ist, (ihr Cousin ist der momentane König), einen tollen Besuch. Wir bekommen wichtige Informationen aus erster Hand.

 

Die Batak-Architektur

Es geht damit los, dass wir in eines der Batak-Häuser gehen. Ein typisches Batak-Haus hat drei Etagen. Der untere Bereich ist den Nutztieren wie Kuh, Schaf, Hahn und Hennen vorbehalten, in der mittleren Etage wird gewohnt und geschlafen und die oberste Etage dient der Vorratshaltung. Die untere Etage ist mit einem lockeren Holzverschlag geschützt und oben darf der Wind durchpfeifen, was zeitgleich auch für ein angenehmes Klima bei der Hitze sorgt. Die besondere Dachform des Hauses ist vom Kanu abgeleitet, weswegen die beiden Dachenden so schön nach oben geschwungen sind. Die Kanudachform leitet sich vom Ursprung der Batak-Leute ab, als die Vorfahren mit Kanus ankamen. Die Bootsform soll im übertragenen Sinne Glück, Reichtum und Fülle bringen. Außen sind die Häuser mit kunstvollen Holzschnitzereien versehen, dabei bestimmen Reichtum und Einfluss der Familie, wie viel Schnitzkunst am Haus zu sehen ist. Prägnante Darstellungen sind z.B. das Chamäleon, welches für Anpassungsfähigkeit steht oder die Abbildung von vier Brüsten, die für Fruchtbarkeit stehen.

Das Haus des Königs bzw. der Königin ist dabei immer, mit Abstand, das Höchste.

 

Familienleben der Bataks

Nun zum Inneren und zu deren Lebensweise: Wie gesagt spielt sich deren Leben auf der mittleren Ebene ab. In der Mitte befindet sich eine Feuer-und Kochstelle über der eine Hängevorrichtung schwebt, die als Holzlager dient. Vorteil: Das Holz trocknet, während man kocht. Die Feuerstelle hält auch Mücken, etc. fern. Ringsherum ist Holzboden, auf dem gewohnt wird. Normalerweise beherbergt ein Batak-Haus um die 3-4 Familien, einige modernere Häuser aber nur noch 2-3 Familien und die ganz modernen haben einen Anbau mit schönem Übergang vom traditionellen Bereich zum Neubau. In diesem Fall wird im Neubau gewohnt und der traditionelle Bau wird nur noch als Lager und zur Vorratshaltung genutzt.

Ursprünglich wurde auf einfachen Strohmatten am Boden geschlafen, nur das Königspaar hatte ein  Holzbett mit Holzkissen (!!!) und ich muss zugeben, dass ein Probeliegen auf dem Holzkissen in Form eines halbrunden langen Balkens, sehr bequem war, sowohl auf dem Rücken liegend als auch auf der Seite (die Bauchlage habe ich allerdings nicht getestet). ;-)

Im Wohnraum befindet sich ein Webstuhl mit dem die Familien ihre traditionellen Gewänder und Tücher fertigten.  Die Farben sind schwarz, rot, weiß und manchmal auch blau (dieser Farbstoff ist in der Natur allerdings nicht so leicht zu finden). Die Garne werden aus Baumwollfäden hergestellt, die traditionell, von Männern und Frauen gleichermaßen, an den Waden entlang gerollt, zu Fäden gesponnen werden.

Es gibt noch einen kleinen Schlitz im Boden, der als Notfalltoilette in der Nacht dient, wenn man nicht rausgeht, aus Angst vor Feinden oder "Schwarzer Magie"…

Optimalerweise sollte eine Batak-Familie 17 Söhne und 16 Töchter haben (wichtig ist jedoch eine ungerade Zahl), die aber nie jemanden aus dem eigenen Dorf bzw. Clan heiraten dürfen, um Inzest und damit verbundene mögliche Krankheiten vorzubeugen!

 

Opfergaben

Ganz wichtig ist noch die Opfergabe. Jeden Morgen werden rituell auf einem speziell dafür angebrachten Hängekorb mit Flaschenzugvorrichtung Speisen wie Früchte, Reis und Fleisch, für die Götter dargeboten. Jeden Abend wird die Opfergabe dann wieder herabgelassen und von den Hausbewohnern verspeist.

 

Gerichtsverfahren  und die Steinstühle

Direkt vor dem Königshaus befinden sich auf dem Dorfplatz die  berühmt-berüchtigten "Steinstühle" , welche in Kreisform unter einem heiligem Baum stehen. Der thronförmige Stuhl ist dem König vorbehalten, ihm gegenüber sitzt der zu Richtende, links vom König sitzen die Dorfältesten und rechts vom König der Schamane und ggf. jemand der der schwarzen Magie mächtig ist. Zudem gibt es zwischen dem Schamanen und dem Gefangenen noch die Leibwächter des Königs. Der Gefangene sitzt übrigens tiefer als alle anderen. Nun wird das Urteil gesprochen. In der Regel gibt es nur zwei Optionen: Schuldig oder nicht schuldig. Sollte der Gefangene schuldig sein, wird er je nach Schwere des Verbrechens (bei Mord, Vergewaltigung, Ehebruch) exekutiert oder muss bei Diebstahl das Diebesgut um ein Vielfaches zurückzahlen. Sollte ihm dies nicht möglich sein, so wird er Sklave des Königs bis er seine Schuld "abbezahlt" hat.  

Ist er schuldig und zur Exekution freigegeben passiert folgendes: Der Verurteilte wird nun im Königshaus bei den Viechern mit den Beinen in einer Art Schraubstock festgeklemmt, so dass er sich nicht fortbewegen kann. Jeder aus dem Dorf hat Zugang zu ihm und kann ihn nun beschimpfen, bespucken oder mit Unrat bewerfen. Der Gefangene wird hier maximal sieben Tage so gehalten, bis der Tag der Vollstreckung kommt. 

 

Kannibalismus bei den Bataks

Im Rahmen der Strafvollstreckung kommt es auch zum Kannibalismus. Die Enthauptung findet an einem anderen Platz als das Gerichtsverfahren statt. Dieser Ort gehört zwar zum Dorf,  befindet sich aber am Rande hinter einer Mauer.  Auch hier gibt es einen Kreis mit Steinstühlen. Die Aufteilung ist ähnlich dem Gericht. Allerdings gibt es hier einen großen Steinblock, auf dem der Verurteilte fest geschnürt und zunächst gefoltert wird. Hierbei werden ihm mit einem Messer zahlreiche Wunden zugeführt, die Haut wird aufgeschlitzt und zum Teil entfernt, so dass der Gefangen höllische Qualen erleidet. Um dem noch eins draufzusetzen werden die offenen Wunden mit Zitronensaft beträufelt, so dass er irgendwann ohnmächtig wird. Dann wird er zum "Enthauptungsstein" gebracht und mit einem heftigen Schwertschlag geköpft. Danach werden ihm die Leber und das Herz entfernt. Diese werden klein geschnitten und mit Zitronensaft und Knoblauch eingerieben und dann dem Schamanen und jedem, der mit "Schwarzer Magie" zu tun hat, zum Essen angeboten. Das ist der sogenannte Kannibalismus. Dementsprechend geht der "Spirit", also die Seele und der Geist und die Kraft des soeben Verstorbenen an den Schamanen, Magier und evtl. Leibwächter des Königs über. Dem ganzen Spektakel darf zuschauen wer will. Besonders oft kommt es allerdings nicht zu so einem Ritual, da es eine sehr abschreckende Wirkung hat. Wichtig ist noch, dass der Schamane ein Haarbüschel des Geköpften an seinen Schamanen stab anbringt und diesen mit dem Blut des Geköpften einreibt, um auch seinem Stab neue Energie zu verleihen. Zudem werden Steinskulpturen und Orte die zum Schutz des Dorfes dienen, mit dem Blut getränkt, um auch diesen neue Energie zu geben. Auf unsere Frage an Anni, wann denn das letzte Mal so eine Hinrichtung stattfand, antwortet sie trocken: "Gestern."

 

Nach nochmaligem Nachhaken gibt sie aber zu, dass es wohl, Gott sei Dank, schon um die 150 Jahre her ist…

 

Batak-Kalender

Für die Batak-Menschen gibt es einen speziellen Kalender. Er besteht aus 12 Monaten, wobei jeder Monat nur 30 Tage hat und jeder Kalender wird vom Schamanen für jeden einzelnen Dorfbewohner individuell angefertigt. Basierend auf Astrologischem und anderem Schamanenwissen gibt es für jeden einzelnen Bewohner unterschiedliche Tage die besonders gut für das eine oder besonders schlecht für das andere sind. Beispielsweise kann für Person Nummer 1 der 28. August perfekt sein zum Heiraten und für Person 2 der gleiche Tag für den gleichen Zweck eine totale Katastrophe herbeiführen. Die Kalender sind aus Holz geschnitzt und mit dementsprechenden Schriftzeichen versehen. Heutzutage werden sie aber nur noch zur Deko verwendet, weil das nötige Wissen dazu fehlt.

 

Schamanenwissen: Zauberstab und Lak-Lak-Buch

Insgesamt gibt es weltweit 11 der speziellen Schamanenstäbe. Jeder Schamane fertigt seinen eigenen Stab an und dieser ist mit schwarzer und weißer Magie behaftet. Der Schamane besprenkelt ihn immer wieder mit Blut und anderen Körpersäften von verurteilten, aber, ganz grausig, auch von entführten Kindern. (Hierzu haben wir auch eine ganze Menge Informationen erhalten, diese sind aber so grausam, dass ich sie nicht einmal niederschreiben möchte und wir der Meinung sind, dass es ganz gut ist, wenn so manches Wissen in Vergessenheit gerät. Nur so viel: Kleine Kinder die schon sprechen konnten, aber noch unter 5 Jahren alt waren mussten besonders beobachtet werden und durften daher nur für ca. 2 Stunden täglich am Nachmittag unter höchster Aufsicht an die frische Luft. Den Rest über verbrachten sie im Haus, aus Sicherheitsgründen.) Der Stab steht von allein. Übrigens wurden diese Stäbe allesamt mit Ende des zweiten Weltkriegs unter den Besatzern von Sumatra aufgeteilt und somit sind diese nun aufgeteilt: Drei in Deutschland, drei in England, vier in Holland und zwei in Amerika…

Das besondere am Schamanenstab ist, dass nur der Schamane selbst ihn anfassen kann, zumindest, solange er "aktiv" ist und nur er die Kräfte, die er beinhaltet auch frei setzen kann. So kann er damit   die Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft steuern, aber auch Krankheiten besiegen und heilen oder Elend hervorrufen. Er kann auch das ganze Dorf mit seinem Zauberstab beschützen. Im Stab sind die Gesichter der Exekutierten hinein geschnitzt und am Stockende befinden sich deren Haarbüschel.

Das Lak-Lak-Buch ist ein weiteres Utensil des Schamanen, dem Magier von "Schwarzer Magie" und Medizin. Im Original war das Buch ca. 15 Meter lang und recht groß und schwer. Wir bekommen nur eine kleine Replik gezeigt. Es heißt Lak-Lak, weil das die Übersetzung für (=Baumrinde oder Haut von Baum) ist, aus dem das Buch gefertigt wird. Leporello-artig gehen die Seiten mit dem wertvollen Wissen ineinander über und der Inhalt beherbergt Medizin, Magie und Astrologie.

 

Bestattung  der Batak-Menschen

Wenn einer vom Batak-Clan starb, dann wurde er für 7 Tage neben oder zumindest nahe am Haus aufgebahrt und unter besonderer Beobachtung gehalten. Denn, auch hier fürchtetet man, dass Feinde den Leichnam zerfleddern könnten um an deren wertvolles Herz oder Niere zu kommen und somit Schwarze Magie zu betreiben. Nach 7 Tagen wurde der Leichnam dann im Sarg in eine Art gemauerten Tempel mit drei Ebenen verfrachtet. Dazu kam er in die unterste Ebene, wo er für  fünf bis zehn Jahre verweilte bis er in einer großen Zeremonie von Familienmitgliedern herausgeholt wurde und die knöchernen Überreste in einer Urne eine Ebene höher für die ewige Ruhe bestattet wurden. Die dritte und höchste Ebene der "Bestattungstempel" ist den Königen vorbehalten.

Falls jemand noch nicht verheiratet war, wurde er in einem Einzelgrab neben dem eigentlichen Grabtempel für immer beigelegt , da er keine Nachfahren für die Knochenbestattung hatte.

 

Ihr seht, wir haben viel gelernt. Danach brauchen wir erst einmal eine Pause und Essen.

Noch am selben Tag machen wir einen relativ langen Roller-Ritt in den letzten Ort mit der Brücke, die das Festland mit der Insel verbindet. Hier finden wir einen guten Platz zum Essen und nach einiger Zeit auch jemanden zum Babysitten von Max. Für eine Stunde lassen wir unseren Schatz in den besten Händen von zwei Schwestern und deren Nichten und Neffen um uns mit dem Roller den steilen und steinigen Weg nach oben zu den vermeintlichen "Tele-Towers" zu kämpfen. Allerdings biegen wir zu früh ab so dass wir mitten im Nirgendwo plötzlich doch wieder in einem Dorf landen und dort sogar noch jemanden finden, der super Englisch spricht. Aber den Fußmarsch, die einzige Möglichkeit von hier oben aus dahin zu kommen, wollen wir dann doch nicht auf uns nehmen, da wir Max nicht so lange alleine lassen wollen. Nach einer Stunde des Hoch- und Runterfahrens kommen wir wieder sicher bei unserem Engel an. Mama ist beruhigt, Max hats gefallen und Tobi ist auch zufrieden.

Mit Max wieder mit auf dem Roller machen wir noch einen Abstecher nach Tomok, sehen die langsam schließenden Marktstände und werfen noch einen Blick in ein modernes Batak-Haus, welches zum "Loho-Hotel" gehört. Die Besitzerin lädt uns dazu ein und so können wir den Blick auf den See genießen. Erschöpft und müde von der vielen frischen Luft geht es mit leicht wunden Hintern zurück zum Guesthouse. Dort treffen wir dann noch auf Stefan und Beate. Die zwei deutschen Backpacker, die uns in Bukit Lawang geholfen haben, das richtige Guesthouse zu finden.

Um den Batak-Abend noch abzurunden gehen wir noch in ein benachbartes Lokal, "Bagus Bay" genannt. Hier finden jeden Mittwoch und Samstag-Abend eine Batak-Vorführung mit Tanz- und Gesangseinlage statt. Gegen acht Uhr abends fängt das Programm an und fünf Schulmädchen zeigen uns ein paar typische Tänze. Zum Abschlussdürfen einige Zuschauer mittanzen, was zugegebenermaßen gar nicht so einfach ist. Im zweiten Teil der Vorführung wird dann live von einer Band gesungen. Die flotte Musik, die einen eher an leidenschaftlichen, feurig-mexikanischen Bar -Gesang erinnert ist sehr mittreißend und ganz nach unserem Geschmack. Max gefällt sie besonders gut, denn er kommt aus dem Klatschen und Tanzen gar nicht mehr raus. Irgendwann übermannt ihn aber doch die Müdigkeit und so gehen Max und Mama früher heim.

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