Rangoon, wir kommen!

 

So ganz ohne jegliche Vorstellung kommt man hier nicht vom Fleck, dafür sind wir einfach zu weit vom Zentrum entfernt. Wir brauchen einen Bus, der uns am richtigen Platz rauswirft. Aufgrund unserer schlauen Gastmutter, also Esther, wird dies zum Kinderspiel. Mit einem Zettel bewaffnet zeigen wir dem jeweiligen Busakteur zum richtigen Zeitpunkt unsere Zielvorstellung. Der Busschaffner, Jongleur und Gentleman vom Dienst, gibt uns zu verstehen, dass dies nicht der richtige Bus ist. Nach zwei weiteren vergeblichen Versuchen, sind es schließlich die ebenfalls Wartenden die uns diesbezüglich weiterhelfen. Wir sind in einem asiatischen Land, wo "Privatsphäre" glücklicherweise ein Fremdwort ist, und deswegen verbreitet sich die stille Post über unsere Suche nach dem richtigen Bus wie ein Lauffeuer.

 

Nun sind wir im richtigen Bus. Wir haben es geschafft, wünschen uns aber zeitgleich auch schon wieder, hier herauszukommen. Ein Bus mit Klimaanlage war uns zuvor auch ein wenig suspekt, eher unnötig, denn es gibt doch Fenster. Doch diese ganze Vorstellungskraft verändert sich genau hier, zwischen den roten Gewändern der Buddhisten und den Longi-Trägern bzw. den Burmesen. Die Brühe läuft uns nur so runter. Es ist so stickig und es wird uns erst recht peinlich als wir erkennen, dass es den Einheimischen gar nichts ausmacht. Anscheinend Training und Erfahrung! Was auch immer, uns hilft es grad auch nicht weiter. Schlimmer wird es noch, als wir im alltäglichen Stau stecken. Eine Baustelle verengt auch hier die Fahrbahn. Wir stehen schon seit fünf Minuten und es geht nicht mehr. Ich (Tobi) muss raus. Ein wenig frische Luft schnappen, insoweit das geht, inmitten dieser motorisierten Saunen. Ich erhole mich ein wenig von dieser beklemmenden Atemnot, bevor mir der Fahrer wieder zu verstehen gibt, einzusteigen. Keine Sekunde später rennt der Schweiß wieder seine Runden. Nun stehe ich so halb illegal an der Tür, in der Hoffnung auf ein wenig Fahrtwind. Die Sicherheitsvorkehrungen liegen hier allerdings über den Wünschen der Fahrgäste bzw. dem an Sauerstoffarmut leidenden Europäer, denn die Türen werden verschlossen. Keine Ausnahmen. Aber an der Tür ist es wesentlich erträglicher und somit schaffen wir es auch ans Ziel.

 

Was für ein Tauschgeschäft...

 

Jeder der uns kennt weiß, dass wir manchmal auch auf den dümmsten und einfachsten Trick reinfallen, aber trotzdem wollen wir unsere eigenen Erfahrungen machen. Die Berichte aus dem Reiseführer stimmen, doch diese lesen wir erst später und somit laufen wir ins offene Messer, in der Annahme, man wolle uns was Gutes tun. Eigentlich wollen wir nur unsere amerikanischen Dollar in burmesische Kyat umtauschen. Aber auch die scheinbar isolierten Burmesen kennen ihre Tricks. Vielleicht kommt dieses Talent aus der chinesischen Waffenschmiede. Wie auch immer, wir werden es nie in Erfahrung bringen, aber wir können euch erzählen, wie es hier auf dem Schwarzmarkt zugeht:

 

 

 

Das Schauspiel beginnt, als wir überhitzt und völlig verschwitzt aus dem Bus aussteigen. Noch viel zu benommen und nicht sonderlich empfänglich für die guten Hinweise, wo man am Besten Geld tauschen kann, machen wir uns auf die Suche nach der richtigen Person. Fünf Minuten später finden wir auf dem Schwarzmarkt den richtigen Ganoven, sprich Bankier und Talent in einer Person. Ach, wovon reden wir? Es ist eine komplette Gang, eine kleine unscheinbare burmesische Mafia. Wir erkennen sie recht schnell, die Spezialisten, denn der Augenkontakt und die sichtbaren Dollarzeichen in den Augen werden (beidseitig) schnell gefunden. Wobei, höchst wahrscheinlich werden wir zuerst entdeckt, denn wir werden mit der forschen Frage bombardiert, wieviel Geld wir tauschen wollen würden. Hierzu müssen wir euch darüber aufklären, dass man als Ausländer sein komplettes Reisebudget im Voraus in knitter- und faltenfreien, sauberen und neuen Dollarscheinen mitnehmen muss, denn man kann hier kein Geld an den Automaten abheben. Diese sind nur für die Einheimischen zugängig, was mit der Überwachung des diktatorischen Regimes zusammenhängt. Einzige Ausnahme für einen Ausländer, doch noch an ein paar Dollarscheine von außerhalb heranzukommen ist, bei den zwei bis drei 5-Sterne-Hotels in Rangoon selbst nachzufragen, wobei man allerdings mit sehr hohen Servicegebühren rechnen muss (in etwa ein Viertel der Gesamtsumme). Somit befindet sich im Moment doch erheblich viel Geld in einem Umschlag in der Gürteltasche um Caros Hüften.

 

Ein weiterer wichtiger Hinweis ist folgender: Umso frischer die Geldnote, umso mehr Geld bekommt man dafür am Ende umgetauscht. Hierbei gibt es verschiedene Kategorien für die Banknoten, wobei die Seriennummer die mit A beginnt die Beste ist, welche man sich im burmesischen Haushalt an die Wand rahmt und die Seriennummer die mit F beginnt, in etwa lustigem, bedruckten Klopapier gleich kommt. Unsere Spezialisten vor Ort brauchen anscheinend mehr, sprich viel mehr Wandverzierungen bei sich zu Hause, als wir uns überhaupt vorstellen können. Wir beginnen zögerlich mit dem Umtausch von 300 Dollar, denn wir müssen uns erst einmal Herantasten, so ahnungslos wie wir sind. Innerlich wappnen wir uns auch schon für das, was nun kommen mag. Wir geben unserem „Bankier“ 300 Dollar, welche seiner Meinung nach, nicht dem höchsten Qualitätssiegel entsprechen. Wir geben zwar ihm das Geld in die Hand, sind aber mittlerweile von seinen Bandenmitgliedern umzingelt. - Nein, dieser Schein sei nicht in Ordnung - bekommen wir zu verstehen. Jeder schlaue Mensch, würde in dem Moment schleunigst abziehen, doch wir spielen das Spiel bis zum blutigen Ende. Wir verkörpern wohl bestens das Sprichwort: "Die Hoffnung stirbt zuletzt". Wir wollen in diesem Fall nicht aufgeben auch wenn schon die schrillsten Alarmglocken läuten. Wer weiß, wahrscheinlich ist uns die Hitze in der fahrenden Sauna doch zu sehr ins Gehirn gestiegen...Nun denn, es geht weiter:

 

Ein B auf der Seriennummer genügt dem professionellen Tausch-Experten nicht. Er will ein A, also suchen wir vor den Augen der Mafia all unsere Scheine durch. Wir nehmen sie nacheinander heraus, nicht alle mit einem Mal, aber wir haben mittlerweile mehr als 300 Dollar in unserer Hand. Drumherum kreisen gierige betrügerische Augen die schon die Beute wittern. Nicht nur wir wollen die Scheine auf die richtige Nummer hin prüfen, nein, natürlich will auch die Bande selbst einen Kontrollblick drauf werfen. Wir hören die Warnsirenen, so viel steht fest, aber etwas lässt uns dennoch in Sicherheit wiegen. Es ist ein unübersichtliches Durcheinander und man spürt schon längst die gedrückte Atmosphäre, somal wir auf burmesischen Straßen stehen, zwischen parkenden Autos, "versteckt" vor der geschmierten Polizei. Boom! Die Bombe platzt, alle rennen sie weg, anscheinend ist die Polizei aufgetaucht. Das Herz rast, flackert vielmehr. Das Adrenalin sprintet in die Höhe. Das Produktionszentrum für Adrenalin explodiert förmlich vor unseren Augen. Wo ist unser Geld? Wieviel haben wir verloren? Was ist passiert?!? So richtig überblicken wir das Chaos nicht, weil wir immer noch unbändig gutgläubig sind, aber wir erkennen, dass irgendetwas nicht stimmt. An dieser Stelle müssen wir schon fast selbst über unsere Naivität lachen. Puh, das Geld ist noch da. Glück gehabt.

 

Nach eingekehrter Ruhe ergreifen die Ganoven noch einmal die Chance. Anscheinend war es nur ein Fehlalarm oder sie haben gemerkt, dass sie keinen glücklichen Fang gemacht haben. Wahrscheinlich hat sich der Eine auf den Anderen verlassen oder so in etwa, und nun haben sie gemerkt, dass es nicht funktioniert hat. Klopfen wir erst einmal aus Dankbarkeit unserem Glück auf die Schulter, denn wir brauchen es noch. Wir steigen ein in die zweite Runde. Nun ein wenig professioneller und standhafter, denn wir beharren auf Seriennummer B. Diese oder gar keine. Wahrscheinlich gibt es gar kein A oder nur für die Wand des Präsidenten. Also 300 Dollar wechseln den Besitzer, aber erst nachdem wir die burmesischen Scheine in der Hand haben. Diese wurden vorher vor unseren Augen genau abgezählt und somit nehmen wir den Tauschhandel an. Die versteckten Ablenkungsmanöver gehen dabei allerdings unter. Als der einseitige Deal sein Ende findet, realisieren wir, dass wir nicht wirklich die versprochene Summe in unseren Händen halten. Spürbar dünner fühlt sich nun das Geldbündel an. Die Experten haben sich alle in Luft aufgelöst. Kein Handshake, kein Lebewohl, kein Danke. Die grausame Welt des Schwarzmarktes. Der Verlust ist gering, der Erfahrungsschatz dafür groß und das Glück tanzt noch immer auf Wolke 7.

 

Downtown

 

Noch mit weichen Knien und erleichterten Herzen, obwohl wir uns ja alles selber eingebrockt hatten, geht es weiter in Richtung Innenstadt. Ehrlich gesagt ist diese in Rangoon eher schwierig zu finden, denn ein typisches Zentrum gibt es nicht. Als Zentrum und Hauptattraktion gilt die Schwedagon Pagoda, die buddhistische Schaltzentrale schlechthin. Die Schwedagon Pagoda, der Eiffelturm Burmas, ist der Leitfaden für jeden Buddhisten. Dieser buddhistische Thron ist auch ein Teil unserer morgendlichen Attraktion, denn unsere Saunafahrt geht entlang dieser beeindruckenden goldenen Sehenswürdigkeit. Aufgrund des momentan alltäglichen Monsuns entscheiden wir uns immer wieder aufs Neue, den Besuch auf den Folgetag zu verlegen, denn wir wollen diese Atmosphäre bestmöglich bei optimalen Lichtverhältnissen genießen. Bevor wir aber selber einen Einblick in diese faszinierende Welt bekommen, werden noch, sage und schreibe, 14 Tage vergehen. Jeden neuen Tag vertrösten wir uns wieder auf den nächsten, bis wir schließlich weiterziehen. Aber am vorletzten Tag unserer Burmazeit werden wir diesen faszinierenden Augenblick bekommen, doch bis dahin erleben wir noch allerhand Geschichten und Erlebnisse.

 

Nun schlendern wir erst einmal durch die belebten Straßen von Rangoon. Hier findet das Leben statt, hier wird alles verkauft, was man benötigt, um zu Kochen, zu Arbeiten, zu Werkeln, sich zu Kleiden etc. Hier auf den Straßen spielt die Musik, überall auf asiatischen Straßen findet das Leben statt, deswegen identifiziert sich ein Stadtzentrum in einem asiatisches Land, wie Burma, nicht durch eine Einkaufsmeile, sondern durch ein kulturelles Zentrum oder umgekehrt, aber beides gemeinsam findet man nicht.

 

Wir finden auch unsere geliebten Straßenverkäufer. Sie sitzen auf der Straße, die Stühle sehen aus wie aus europäischen Kindergärten, so klein und doch so praktikabel. In allen möglichen Varianten findet man diese kleinen hilfreichen Alleskönner. Sie bieten einem einen Platz und zeitgleich nehmen sie wenig Platz weg. Auf einem normalen Bürgersteig findet man somit ein kleines Restaurant, natürlich mehr in die Breite gezogen, aber dennoch ist hier immer noch Platz für die Hungrigen auf ihren Ministühlen. Zeitgleich - und dies auch aus physiotherapeutischer Sicht absolut grandios - ist dies doch eine geniale Technik, um seine Gelenke zu trainieren. Generell ist die Hocktechnik absolut patientenfreundlich, denn wenn man sich hier umschaut, meint man, Burma hockt, anstatt zu sitzen und das zieht sich durch alle Altersstufen. Kennen die Burmesen überhaupt Meniskusprobleme? Knieoperationen? Durch diese menschliche Sitztechnik werden die Kniegelenke maximal gedehnt, beansprucht und optimal in den Alltag integriert und nicht durch standartisierte Stühle geschont. Übrigens auch die Bushaltestellen haben Chihuahua -Größe.

 

Innenstadt-Impressionen

 

Burma ist nicht nur ein buddhistisches Land, sondern man findet hier noch allerhand weitere religöse Orientierungen, wie zum Beispiel den Islam. Deswegen entdecken wir hier auch mitten in der Straßenmeile, der Sule Pagoda Road, ein Minarett sowie zahlreiche muslimische Verkäufer, die Schmuck, Obst und weitere brauchbare Dinge an die Kunden feilbieten. Nicht unweit dieses Minaretts finden wir, etwas versteckt und für Touristen nur durch einen Massenandrang zu erkennen, den Großen Basar. Eine Kopie aus Istanbul genau hier vor unseren Augen! Der Weg wird versperrt von Burmesen, Mönchen, Muslimen, Christen und weiß Gott noch wem alles. Hier ist kaum ein Durchkommen möglich, so groß ist der Andrang in den schon zu engen Gassen dieser riesigen Halle. Jeder Platz, jeder Zentimeter ist hier akkurat und genau vergeben. Hier muss man Zeit einplanen, das sollte einem schon beim Empfang bewusst werden. Jeder Verkäufer der hier einen Stellplatz bekommen hat braucht sich keine Gedanken über Kundschaft zu machen. Diese Fabrik der Vielfalt ist wohl die erste Adresse auf der Suche nach was auch immer. Die Menschen treten sich nicht nur hier auf die Füße. In der gesamten Stadt herrscht Stau auf der Fußgängerzone. Diese Stadt lebt. Hier ist ordentlich was los. Das Leben funktioniert, die Waren werden verkauft und die Kunden sind vorhanden. Die Burmesen sitzen im Restaurant, sind in den "Cafés", essen und trinken, trinken vor allen Dingen Tee, Bier oder Schnaps, je nachdem welche Tageszeit gerade ist. Hierzu noch eine kleine Nebeninformation: Die bekannteste Biermarke Burmas, heißt wie der Diktaturstaat selbst: Myanmar. Dieses Bier ist das Umsatzstärkste des Landes, wird aber in Singapur gebraut und gehört zur selben Brauerei, die auch das berühmte Tiger-Bier aus Südostasien herstellt. Es ist auch nicht auszuschließen, dass die Militärjunta ein wenig am Umsatz des Myanmar-Biers beteiligt ist.    

 

Sule Pagoda Road

 

Zu der Sule Pagoda Road gehört selbstverständlich auch die Sule Pagoda selbst, welche bereits seit 253 v.Chr. hier seinen Platz gefunden haben soll. Umso später der Abend, umso beeindruckender dieser Anblick. Eine leuchtende, goldene Pagoda als Wegweiser für alle Verlorenen. Wir brauchen auch immer wieder einen Orientierungsblick zur rettenden Leuchtsäule. Die Stadt ist groß und wie schon gesagt, gut belebt, deswegen werden wir förmlich getragen von den Angeboten welche hier die Straßen bevölkern. Wir haben Spaß bei diesem Flow durch die Straßen zu marschieren. Langweilig wird es definitiv nicht. Auch finden wir hier die Nummer 1 unserer Obstliste: Pomelo. Sie wird gleich vor Ort und Stelle verschlungen. :-)

 

Nach diesem überwältigenden Tag suchen wir unseren Leuchtturm, denn dort befindet sich auch die Bushaltestelle, wo uns der richtige Bus zur richtigen Zeit wieder zurück nach Hause bringt. Auf dem Weg zurück geht es noch einmal ins Internetcafé. Dort treffen wir uns noch mit Nick im Skype, um eine Videobotschaft mit vielen Glückwünschen zur Goldenen Hochzeit von Tobis Großeltern aufzunehmen. Mit Esther und Myint, als burmesische Stargäste, und uns beiden wird dieses Video als kleine Überraschung zum richtigen Zeitpunkt auf der Feier per Leinwand übertragen. Danach erwartet uns, Dank Esther, wieder ein tolles, diesmal auch noch burmesisches Abendbrot.

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