Warum macht das Arbeiten in Nepal so viel Spaß?

Man beginnt jeden Tag mit dem Schritt über die Türschwelle, grüßt seine Kollegen, die einen unter anderem aufgrund der kulturellen Unterschiede, sehr ans Herz gewachsen sind und freut sich auf die neuen Ziele die man sich an diesem Tag gesetzt hat. Es ist schön, wenn man sieht, dass es Fortschritte gibt und wenn die Ideen nur so sprudeln, so schnell, dass man gar nicht mehr hinterher kommt. Wir haben alle Freiräume genossen, die man nur genießen kann, in einem Land, welches als Dritte Welt Land beschrieben wird und wo die finanziellen Möglichkeiten begrenzt sind. Wir hatten eine Chefin, die etwas verändern wollte, jedoch nicht wusste wie. Aber sie hat erkannt, dass sich etwas ändern muss und hat uns somit alle Möglichkeiten (im nepalesischen Rahmen, selbstverständlich) gegeben, um unsere Kreativität auszuleben. Des Weiteren konnten wir jeden Tag das Menü in die Hand nehmen, uns durch die Seiten kämpfen, denn es war so unglaublich vielfältig wie ein Biologielexikon, und uns ein Gericht der Wahl kostenlos aussuchen. Oft wurde es von uns auch gleich für fotografische Zwecke fürs neue Menü verwendet. Es hat sich viel geändert, in der Zeit in der wir dort gearbeitet haben, jedoch muss man dafür auch eine reichliche Portion an Ausdauer mitbringen. Wir haben euch ja schon geschildert, dass die Art und Weise, wie die Nepalesen arbeiten, nicht wirklich umsichtig ist und wenig Freiraum für Kreativität lässt. Man braucht reichlich gutes Karma um nicht wegen Kleinigkeiten, die einfach nicht gemacht werden, weil sie „nicht im Aufgabenbereich“ liegen, Gefahr zu laufen, in einem möglichen Amoklauf wild um sich zu ballern. Genauso muss man sich vor gedanklichen Hals-Würge-Vorstellungen schützen, warum, verflixt nochmal, ich das schon zum fünften Mal wiederholen muss und weiß, dass du das Einfachste wieder nicht verstehst! Ist es wirklich so schwer, einige Gehirnsynapsen miteinander zu verknüpfen, um das zu machen, was wir gestern vereinbart haben? Zum Glück haben wir reichlich gute Nerven um damit umzugehen. Auch, wenn man das Restaurant verlässt und schon auf dem Heimweg ist, man aber nochmal zurück geht um noch etwas für den nächsten Tag vorbereiten zu lassen, man aber genau weiß, dass sie es sowieso vergessen und es nicht machen werden. Und wenn es sich vielleicht auch nicht um diese Aufgabe aus der letzten Sekunde handelt, dann um eine andere Aufgabe zuvor. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Wir haben vieles gesagt und vieles ging ins eine Ohr rein und vom anderen wieder raus. Viele angedachte Ziele haben wir Dank diesem Sumpf des „Nicht-Einhalten-der-Aufgaben“ auch nicht erreicht.

 

Geduld ist das weitere Zauberwort für die kommenden Tage und Wochen. Geduld an jeder Ecke. Buddha an jeder Ecke. Man braucht in Nepal, als Deutscher, keinen Schutzengel, sondern Buddha. An den Tagen an denen ich mit dem Motorrad durch die Stadt gefahren bin, um gewisse Aufgaben zu erledigen, habe ich jede Sekunde auf dem Motorrad genossen. Die Bedenken, dass irgendwo ein Blitzer steht und einen Schnappschuss von mir macht, waren am ersten Tag verflogen. Die Angst, dass ich jemanden überfahren könnte, am zweiten Tag verschwunden. Der Verkehr in Nepal ist einfach so unvorstellbar spannend, dass man sich immer konzentrieren muss, welchen Schlenzer man macht, um nicht in den Straßenkrater zu fahren der sich dort über Jahre hinweg vertieft hat oder um die Kuh nicht zu erwischen, die einige Meter weiter gerade die Fahrbahn wechselt.

 

Die Kuh, die heilige Kuh. Das Pferd unter den Zugtieren, das Gefährt unter den Buddhisten. Nur mit Hilfe der Kuh und nur dann gelangt man ins Nirwana. Die Kuh verkörpert den Buddhismus. Die Kuh ist heilig. Für die Kuh wird gebremst. Die Kuh hat Vorfahrt. Die Kuh ist das Stopp-Schild an der Kreuzung. Die Kuh ist die Reinigungsmaschine nepalesischer Straßen. Die Kuh frisst alles was ihr zwischen die Zähne kommt: Von Müll bis Pappe alles im Tagesmenüplan inbegriffen. Da sind die herumliegenden Orangenschalen ein Gaumenschmaus. Vom Mensch zum Tier ist die Devise. Alles was nicht mehr benötigt wird, wird auf die Straße, in die Natur oder in die Flüsse geworfen. Die Kuh, der Hund die kommen und säubern es, auch wenn sie damit nicht hinterher kommen! Die Kuh, als Wegweiser aller Straßenverkehrsteilnehmer! Denn der Vierbeiner sollte nicht angefahren werden, denn für dieses Vergehen kann es zu einer ordentlichen Geldstrafe kommen und was passiert wenn die Kuh dabei stirbt, wollen wir euch lieber nicht erzählen. Aber sie wird nicht angefahren auch wenn der Verkehr noch so verrückt und chaotisch ist. Sie ist der Engel auf den Straßen. Sie stolziert auf den Straßen zwischen hupenden Bussen, noch mehr hupenden Autos und unzähligen hupenden Motorradfahrern, die so viel Abgas und Lärm produzieren, das die Kuh eigentlich halluzinierend umherlaufen müsste und unabsichtlich schwankend in ein Gefährt laufen könnte. Aber sie tut es auch nicht! Die heilige Kuh.

Und trotzdem macht es mir so viel Freude auf diesen Straßen zu fahren, gedankenschnell nach rechts (oder manchmal auch links auszuweichen) wenn der Bus, der vor mir fährt, spontan auf den Gedanken kommt anzuhalten obwohl weit und breit das Halteschild nicht zu sehen ist. Es herrscht Linksverkehr auf nepalesischen Straßen. Kein Problem, daran habe ich mich schnell gewöhnt! Vielmehr ist es aufregend, noch mehr Herausforderungen entgegenzunehmen. Kein Vergleich zu den „langweiligen“ deutschen Straßen, wo alles angeordnet ist, dass man sich vorkommt, man hätte die Straßen gerade selber durch Sim City erbaut. So chaotisch, dass es trotzdem funktioniert. Es gibt keine Ampeln, es gibt, außer der Kuh, keine Stopp-Schilder oder Vorfahrtsschilder. Keine Geschwindigkeitsbegrenzungen oder ähnliche, sowieso nicht eingehaltene, Verkehrsschilder, die das fahren in jeglicher Weise einschränken. Ein Balsam für die Straßenseele. Aber ich sage nichts gegen die deutsche Autobahn. Das Schmuckstück unter den weltweiten Straßen.

 

Man braucht in Nepal, als Deutscher, keinen Schutzengel, denn die Rücksicht gegenüber den „Freunden der Straße“ ist unvorstellbar groß. Als Deutscher braucht man Buddha. Buddha und das, wenn möglich, an jeder Ecke. Die Möglichkeit, den Glauben an jeden einzelnen Geschäftsmann, falls es dafür überhaupt eine internationale Definition gibt, zu verlieren, ist so verdammt groß, dass ich mir nicht ausmalen kann wie viele Kühe es braucht, um das zu kompensieren. Die Fahrt ist ein Kinderspiel, das Ziel das viel größere Problem. An alle großartigen Planer dieser Welt, alle hochdekorierten Analytiker: Kommt bitte nicht nach Nepal, wenn ihr euren Verstand nicht verlieren wollt! Es klappt nicht, auch wenn man noch so sehr versucht sein Oscar-verdächtiges Lächeln aufzulegen, seinen ganzen sintflutartigen Charme auszusprühen. Es klappt, aber nicht im vorhergesehenen Zeitplan. Spontanität hat seine Grenzen, die erkennt man schnell, wenn man in Nepal arbeitet. Mal schnell etwas erledigen, denn dann kann man auch schon weiterarbeiten, ist eine Devise, die man hier schnell zu den Akten legt. Die schnellen und überzeugenden Ein-Tages-Prognosen der superfreundlichen Auftragnehmer, bis Morgen das gewünschte Produkt vorzulegen, verwandeln sich schon in Wochenplanungen, wenn er nur das Wort: „Morgen ist es fertig“ in den Mund nimmt. Es schafft keiner, den selbst auferlegten Arbeitsplan einzuhalten, aber trotzdem sagen sie es. Warum sie das machen, wissen nur die Buddhisten dieser Welt. Frei nach dem Motto: „In der Ruhe liegt die Kraft“ oder „Was man heute nicht schafft, vertage man auf Morgen!“ Weisheiten, die auch wir erlernen könnten, aber nicht wirklich geschafft haben. Wir haben es nicht geschafft keine Haare zu verlieren und der Beschleunigung der wachsenden grauen Haare entgegenzuwirken. Wir sind schier verrückt geworden, warum nichts, zum angegebenen Zeitplan geklappt hat. Verrückt? Sind wir zu sehr Deutsch? Was ja nicht verkehrt ist! Aber wir denken, Nein! Wir sind nicht zu sehr Deutsch! Wir sind verantwortungsbewusst! Wenn wir eine Aufgabe erledigen sollen, wird sie erledigt. Soweit so gut, aber wir engen uns nicht selber ein. Wenn wir merken, dass der Zeitplan, falsch ist rufen wir an. Wir warten nicht bis der Kunde mit Oscar-verdächtigem Siegerlächeln unseren Laden betritt um ihn dann, wie selbstverständlich, auf den nächsten Tag zu vertrösten. Kommt der Kunde dann mit Oscar-nominiertem Siegerlächeln am nächsten Tag herein, wissen wir dass er in fünf Tagen keinen Oscar mehr dafür erhält. Der Weitblick, zu erkennen, dass zufriedene Kunden auch zufrieden bleiben, wenn alles zufrieden gehandhabt wird, wird in der nepalesischen Arbeitswelt nicht eingehalten. Wenn es eine Woche dauert, dann dauert es halt so lange, aber man kann sich darauf einstellen bzw. kann man auch Bescheid geben, wenn es noch eine Weile dauert. Wir Kunden bekommen so, was wir wollen, und die anderen bekommen das Geld dafür. Leider fehlt den Nepalesen dafür das Verständnis, wie sie ihr Geld verdienen. Wenn die Kunden einen Anruf bekommen würden oder eine vernünftige Planung vorgenommen wird, würden alle Planer und Analytiker dieser Welt ihren fremdsprachigen Oscar für das beste Siegerlächeln erhalten!

 

Warum macht dann die Arbeit in Nepal so viel Spaß? Man erkennt, was einem beim Arbeiten wichtig ist und unter welchen Voraussetzungen man sich auf die Arbeit, im Allgemeinen, freut. Man freut sich keiner unnötigen Bürokratie ausgesetzt zu sein. Man freut sich, die Gesundheitsbehörde nur aus Deutschland zu kennen. Man freut sich, die Kerzen nicht aus dem Grund anzuzünden um es romantischer zu machen, sondern deswegen, weil wieder einmal Stromausfall ist. Und man freut sich, wenn man weiß dass die Kunden dafür Verständnis haben. Man freut sich in Nepal zu arbeiten, wenn man den vollkommenen Fahrtwind spüren kann, weil man weiß, dass die Polizei einen nicht anhält, wenn man als zweiter Mann keinen Helm trägt. Man freut sich, wenn einen die Polizei anhält, aber nicht kontrolliert, weil man ein Tourist ist. Besonders, wenn man aber weiß, dass man keinen Führerschein dabei hat, aber die Polizei das nicht weiß. Man freut sich, weil der Polizist sich freut, wenn er nichts auf unsere Frage: „What do you want?“ antworten kann und verschmitzt anfängt zu lachen, weil er kein Englisch spricht. Man freut sich, wenn man noch durch kleine Dekorationstipps ein ganzes Gericht optisch verzaubern kann. Man freut sich über jede, wieder nicht vorhergesehene, nicht eingehaltene Ein-Tages-Prognose, die man trotzdem meistert. Man freut sich, wenn man abends nicht nach Hause geht und den Fernseher anmacht, sondern nach Hause kommt und sich ans Lagerfeuer setzen kann. Man freut sich, wenn es Menschen gibt, die noch mehr, als in Deutschland, arbeiten, weniger verdienen als vier Kästen guten deutschen Biers und trotzdem das Leben genießen. Man freut sich, wenn man in Nepal gearbeitet hat!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0