Jokhang Tempel

Der Wecker klingelt und es ist halb sieben. Warum wir so früh aufstehen, liegt daran, dass wir uns für um acht am Potala Palace verabredet haben. Denn man muss sich einen Tag vorher anmelden, wenn man diesen Palast besuchen will. Das sind nicht die einzigen Vorsichtsmaßnahmen oder Kontrolleinrichtungen die in Lhasa auf uns warten. Schon am Morgen sind wir an einigen Grenzposten vorbeigelaufen. Direkt neben dem Posten wollte ich ein Bild vom Flüsschen machen, was mir jedoch verboten wurde. Weiß gar nicht, ob die wissen, warum sie das machen. Und nicht nur an den Grenzposten lauert die Gefahr, sondern auch auf den Dächern tummeln sich die grün uniformierten chinesischen Polizisten. Vor einiger Zeit gab es Protestbewegungen gegen die Unterdrückung der tibetischen Bevölkerung. Seitdem findet man hier vermehrt Polizisten die mögliche Aufstände im Keim ersticken sollen. Neben den zahlreichen grünen Männern findet man auch reichlich Kameras und wie uns gesagt wurde, auch reichlich Wanzen. Denn es ist den Touristen oder den Tibetern verboten den Begriff „Dalai Lama“ zu verwenden. Denn dieser wurde von der chinesischen Republik ins Exil verbannt, aufgrund seiner großen Macht und seiner weisen Worte. Die Männer der kommunistischen Partei Chinas haben schlicht und einfach weiche Knie vor ihm.


Aber zurück zu unserem Tag: Als wir um 10 Uhr fertig waren, also zeitlich wie körperlich, sind wir erst einmal Richtung Innenstadt. Leider gab es einige Probleme mit meiner Kamera und somit war ich gezwungen mir eine neue zu kaufen! (Caro´s Kommentar: „Ja, ja, das ist dem Tobi schon echt schwer gefallen…“) Dank dessen findet ihr ab sofort qualitativ bessere Bilder! Nachdem dann die „Mäuse über die Theke liefen“ (= Tobi meint natürlich das Geld), sind wir dann mit einem, über beide Ohren grinsenden Tobi, zum Jokhang Tempel marschiert. Nicht nur wir marschierten dorthin, sondern mit uns auch etliche Tibeter die sich mit ihren kreisenden Gebetsmühlen den Weg zum heiligen Herz von Lhasa bahnten.


Die Stadt besitzt drei konzentrische Pilgerrouten. Der erste Kreis davon befindet sich im Inneren des Jokhang Tempels, dem heiligen Tempel, in Tibet. Diese Route ist die Nangkhor. Die mittlere Route ist der Barkhor und verläuft um den Jokhang Tempel sowie weitere kleinere Stadtklöster herum. Der äußerste Ring Lingkhor verläuft entlang der Stadtgrenzen. Der spektakulärste unter ihnen ist allerdings der Barkhor, denn der ist im Zentrum und wird von unheimlich vielen Betenden benutzt. Diese bewegen sich immer im Uhrzeigersinn auf dem Ring wandelnd herum und dies mindestens dreimal am Tag. Des Weiteren befinden sich auch vor dem Tempel zahlreiche Gläubige und es ist für uns ein wahres Paradies dies zu beobachten. Teilweise kamen in uns Assoziationen an altehrwürdige Putzstrategien hoch. Die Gläubigen vor dem Jokhang Tempel, teilweise auch Ausnahmen auf dem Ring (!), machen eine besondere Art von Gebetsübung durch! Die Routen und Plätze werden nicht nur belaufen, sondern auch “berutscht“. Dazu absolvieren sie täglich drei Einheiten à Minimum 100 Wiederholungen von folgender Übung: Zuerst stehen sie in Richtung ihres Heiligtums, tippen sich mit ihren zusammengelegten Händen zuerst an die Stirn (=Gedanken), dann an den Mund (=Sprache) und zuletzt ans Herz, die drei Wege, mit Buddha zu kommunizieren. Danach gehen sie in die Hocke um sich dann auf einer Art Bügelbrett auf den Bauch zu legen und die Arme am Boden nach vorne auf Kopfhöhe zu schieben. Von dort aus richten sie sich dann wieder in den Stand auf um von vorne zu beginnen. Und wie gesagt, diese Übung 100 Mal und das ganze dreimal am Tag! Bevor wir aber vom meditativen Zugucken eingeschlafen wären, waren wir auch schon Innern des Jokhang Tempel! Davor hatten wir uns aber noch das achtspeichige goldene Dharma-Rad angesehen, welches direkt am Eingang dieses Tempels zu finden ist. Die Speichen des Rades stehen für den „achtfachen Pfad“ (zur Erleuchtung) und die Hirsche auf dem Rad sollen daran erinnern, dass Buddha seine erste Predigt in einem Wildgehege hielt. Nehmen wir es mal so hin.


Die Gläubigen, jedenfalls, starten ihren Rundgang am Morgen und brauchen den ganzen Tag bis sie eine Runde im Tempel beendet haben. Soviel und so wichtig ist es ihnen diesen inneren Kreis zu belaufen. Wir kommen dank unseres Touristenstatus etwas schneller durch den Touristeneingang ins Innere der heiligen Stätte und laufen gemeinerweise an den Wartenden, die uns mit großen Augen anschauen, vorbei.


Der Jokhang Tempel gilt als das Zentralheiligtum, zu dem jeder Buddhist mindestens einmal in seinem  Leben hin gepilgert sein sollte. Er wurde im 7. Jahrhundert errichtet und der Legende nach auf einem See erbaut. Nachdem der Tempel jedoch mehrmals eingestürzt war, wandte sich die damalige Prinzessin Bhrikuti an die Weise Wen Cheng. Die gelehrte Frau sagte der Prinzessin, dass die Geographie Tibets wie ein altes Moorland aufgebaut sei, in dessen Mittelpunkt der See läge. Und da Tempel übersetzt Mittelpunkt bedeutet, kämen sich beide gegenseitig in die Quere. Deswegen sollte der See aufgeschüttet werden um ein für alle Mal Ruhe reinzubringen. Und mit der Schließung des Sees sollte zeitgleich der Mittelpunkt des Buddhismus eingeläutet werden. Den Tempel nannte man zu dieser Zeit übrigens Sa-Ra–Vphrul-Snang (Sa bedeutet auf Tibetisch Erde und Ra bedeutet Schaf; zum Gedenken an die Schafe, die halfen, den See mit Erde aufzufüllen). Und aus „Sa-Ra“ entstand im Laufe der Zeit der Name „Lhasa“.


Wir haben es geschafft und stehen nun hier im Glaubenstempel zwischen Weihrauch und Yak-Butter. Diese wird in flüssiger Form als eine Art Wachs verwendet, mit der die Kerzen zum Leuchten gebracht werden. Zeitgleich dient die Yak-Butter auch als Opfergabe. Ob das auch mit „Lätta“ funktioniert? Dank der freigiebigen Opferdarbringung, befindet sich dieses „Wachs“ auch auf dem Boden, so dass es hier teilweise ganz schön rutschig ist! Im Tempel selber findet man dann neben einem großen Hauptraum noch viele verschiedene Einzeltempel aus verschiedenen Bauzeiten, die alle einem andern Buddha oder „Heiligem“ geweiht sind. Somit findet man in jedem einzelnen Raum neben dem Altar auch zahlreiche Abbilder der jeweils Heiligen. Der älteste, im Original erhaltene Tempel, ist aus dem 13. Jahrhundert, als er wieder einmal nach einer Zerstörung aufgebaut wurde. In ihm befinden sich zahlreiche überlebensgroße Buddhas und nebenher andere wichtige Statuen, die über und über  mit Gold, Diamanten, Bernstein, Rubinen, Türkisen etc. verziert sind. Aber das findet ihr auch in ausreichender Weise im ganzen Tempel verteilt.

 

Was uns bei unserem Besuch besonders beindruckt hat ist folgendes: Zwischen all den Gläubigen befinden sich natürlich auch viele Mönche und es ist lustiger Weise kein seltener Anblick, wenn diese fleißig mit Ihren I-Pods und I-Pads im Heiligsten herumspielen. Die sind halt ganz modern eingestellt und versuchen die Probleme der heutigen Menschen zu verstehen und auf dem aktuellsten Stand zu sein. Interessant, aber für uns doch ganz schön absurd.

 

Nach unserem gemeinsamen Gruppenbesuch im Tempel sind wir dann alleine weiter durch die Straßen gezogen oder besser gesagt drum herum! Denn wir wollten auch einmal die Pilgerroute laufen. Allerdings sind wir am Anfang gegen den Strom gelaufen und es hat eine Weile gedauert bis wir kapiert haben, was nun falsch ist. Nachdem wir dann so durch die Gässchen schlenderten trafen wir zwei Bekannte aus dem Zug von Chengdu nach Lhasa: Tashi und Rowan! Tashi kommt aus Lhasa und Rowan, seine Freundin, aus Kalifornien. Nachdem wir so plauderten, haben wir beschlossen, mit den Beiden Essen zu gehen. Wir sind gemeinsam in ein, von Nonnen geführtes, Restaurant gegangen, welches sich durch den Essensverkauf, somit unter anderem auch durch unseren Essensbeitrag, finanziert. Es hat einen wunderschönen Innenhof und ist frei von jeglicher „nicht tibetischer Kultur“, sprich von allen Touris. Typischer für Tibet und die Tibeter kann es gar nicht sein. Genau das Richtige für uns!


Tashi lud uns zu Thupka, Momos und Milchtee. Alles typisch tibetisch Gerichte und super lecker! Was Besseres kann man sich nicht wünschen! Nachdem wir endlos mit diesen zwei tollen Menschen geplaudert hatten gingen wir wieder ins Getümmel, um noch mehr toller Dinge zu erleben! Zunächst schlenderten wir mit den beiden durch die Straßen, stöberten durch Einkaufshäuser und inspizierten die Obst- und Warenstände. Doch dann kamen wir zu einem Friseur. Dieser Verlauf liegt zwar nicht so ganz auf der Hand, aber Caro wollte sich nach 4 Monaten  mal wieder den Pony stutzen lassen. (Da fällt mir gerade dieser Witz ein: „Geht ein Cowboy zum Friseur, als er wieder rauskommt ist sein Pony weg!“) Gut, habt ihr euch wieder beruhigt? Verstanden? Dann geht’s weiter. Also wir zwei Ahnungslosen zusammen mit dem Profi der Haarkunst beim Friseur. Nicht nur die Tibeter, auch die Nepalesen, wie wir später feststellen sollten, genießen es, sich die freie Zeit beim Schärenmann zu vertreiben. Dabei sind nicht nur die Haare das Objekt der Begierde, auch die Kopfhaut wir mit Massagen behandelt oder die Haare im Gesicht mit der Schere und dem Rasiermesser traktiert. Also ein komplettes Angebot der ganzen Palette der Kopf- und Halsregion. Caro wollte sich nun also nur den Pony stutzen lassen. An sich ein Kinderspiel, für alle Kenner des Geschäftes. Nicht so bei uns. Caro durfte sich entscheiden zwischen: Pony im 40° Winkel, der verrückten Variante des Ponyschneidens, oder doch lieber die 35° Winkel-Version, die weniger auffallende Variante unter den Verrückten. Allerdings ist die zick-zack angesetzte Scherenmöglichkeit bei vielen die Bevorzugte, aber nicht bei Caro. Vielleicht darf es aber auch die klassische Variante des 180° Winkels sein? Nach mehrmaligen ansetzen, fallenlassen, umentscheiden, beraten und wieder ansetzen fiel die Qual der Wahl auf die japanische Ponykunst zurück. Diese unterscheidet sich weitgehend von alle mir erdenklichen Vielfalt der Stirnfreiheit. Nicht nur die Stirnhaare werden dabei gekürzt und auf gleichen Abstand gebracht, nein auch die Scheitelhaare, die nicht zum Pony gehören, werden auf dieses Aussehen angepasst! Nach einer Stunde nahm dann das Glücksgefühl einer neuen Frisur sein Ende und der Kamm, der Wasserdosierspritzsprüher und der Fön wurden mit einem zufriedenen Lächeln über das Talent, drei Härchen abgeschnitten zu haben, niedergelegt. Der Kampf Friseur gegen Haar, sollte mit einem Siegeszug bei Caro´s Gefühlen enden. Sie war schließlich zufrieden mit ihrer langandauernden Entscheidung. Und ICH war überwältigt.

 

Danach haben wir uns dann mit Gan Lan getroffen. In ihrer Begleitung befand sich  ein italienischer Gentleman. Dieser war ebenfalls Couchsurfer und die Beiden hatten sich zum Abendessen verabredet. Und wir waren mit dabei. Und mittendrin im Sumpf der Ein-Monatsurlauber, die kein Problem damit haben Unsummen an Geld für einen Abend auszugeben. Leider war er nur Gentleman für Gan Lan und nicht, wie insgeheim erhofft, auch für uns. Deswegen versuchten wir unser Abendessen so gering wie möglich zu halten, was bei diesem „westarn“ Restaurant leider nicht so leicht war. Ihr seht, nicht mal der Empfang hat uns überwältigt, geschweige denn die Preise dazu. Wobei um uns gegen mögliche Fragen zu stellen: Warum Deutsche denn Tee trinken und kein Bier? habe ich mir ein Bier bestellt. Für drei Euro war es teuer aber seinen psychologischen Preis wert. Es war ein -Beer from the roof of the world-! Mit diesen Gedanken verlief der Abend und wir gingen danach gemeinsam nach Hause und dachten an diesen ereignisreichen Tag zurück. Dies jedoch ohne den Gentleman. Das Bier hatte jedoch seine Wirkung hinterlassen und ich fühlte mich mehr denn je, genau wie Caro, in Lhasa angekommen! Wir haben es geschafft!  

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